Call

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Gefangen in Verträgen, Verordnungen und Vorschriften –  machen wir uns frei davon!

Wenn der Mietvertrag für ein autonomes Zentrum gekündigt wird, kommen wir* unserer Selbstbestimmung ein Stück näher. Der Aufstand wird greifbar, wir spüren diese kommende Wärme, als ob erstarrte Hände kribbelnd wieder zum Leben erwachen. Wir beschweren uns nicht mehr, dass in der uns aufgezwungenen Gesamtscheisse kein Raum für Strukturen gelassen wird, die den bestehenden Verhältnissen etwas entgegensetzen wollen. Wir erkennen, dass unsere Politik, Kunst und Kultur erkämpft werden muss, da sie den Interessen der herrschenden Klasse sowieso messerscharf entgegensteht…

Das AZ Köln war in den vergangenen Jahren Kristallisationspunkt unserer Debatten und Kämpfe – so soll es weitergehen. Die Ideale, die in diesem Haus spürbar waren und sind, für die in diesem Haus gestritten und gefeiert, diskutiert und gearbeitet wurde, sind von keinem starren Gebäude abhängig. Ein Gebäude ist nur ein kleiner Raum in einer Welt voller  Gewalt und Unterdrückung – aber wir wollen nicht nur dieses Gebäude, sondern eine andere Welt.

Die Verteidigung eines geliebten Projekts kann symbolisch hierfür sein, oder auch der Anfang einer neuen Welle von Besetzungen und Versuchen einen aufständischen Alltag herbeizuführen.

Der Angriff auf das AZ in Köln findet nicht im luftleeren Raum statt,  sondern ist Ausdruck für die alltäglichen Bedrohungen, unter denen selbstverwaltete, libertäre und emanzipatorische Projekte nicht erst seit heute leiden. Diesem Angriff wollen wir nicht in reiner Abwehrposition entgegenstehen, sondern immer wieder Risse in der Idee der konsumierten und diktierten Stadt erzeugen. Bereits vorhandene Risse mit Leben füllen – Distel im Beton!

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Erläuterung des *:
Das in diesem Text konstruierte „Wir“ soll nicht als Abgrenzung bzw. Othering¹ gemeint sein. Uns ist bewusst, dass in einem Text, der in einem mehrheitlich weiss², männlich, heterosexuell, akademisch und körperlich befähigt dominierten Kontext entstanden ist, auch die dominierenden Positionen verstärkt in ein „Wir“ einfließen. Der Text wurde zudem aus der Perspektive eines Personenkreises, der sich regelmäßig im AZ Köln aufhält und innerhalb dessen Strukturen organisiert ist, formuliert. Es ist jedoch unser Anspruch, dass nicht sowieso schon privilegierte Positionen angesprochen und miteinbezogen werden, sondern vor allem gesellschaftlich marginalisierte³ Gruppen, wie beispielsweise People of Colour, FrauenLesbenTransInter* und viele mehr. Schon dieser Anspruch kann jedoch ein in sich bereits widersprüchliches Verhältnis darstellen.

 1 Othering beschreibt den Prozess in dem aufgrund bestimmter einzelner
Kriterien ein kollektives „Wir“ (Ingroup) geschaffen wird. Dieses wird
dann durch die Abwertung der vermeintlich „Anderen“ (Outgroup)
aufgewertet und definiert. Othering ist eine der Grundlagen von
Rassismus, Sexismus, Klassismus  und ähnlichen
Diskriminierungsstrukturen und macht sich innerhalb einer rassistischen
Gesellschaftsstruktur z.B. durch permanentes Sprechen über „Andere“
bemerkbar.
2 Rassismus bringt nicht nur (strukturelle) Diskriminierung mit sich,
sondern auch eine (strukturelle) Privilegierung von Weißen. Mit der
Benennung von weiß sollen Selbstverständlichkeiten sichtbar gemacht
werden, die sonst als unsichtbare Norm im Alltag wirken. In Deutschland
ist vor allem die Gleichsetzung von weiß=deutsch virulent. In diesem
Zusammenhang ist auch die Frage nach „Woher kommst du eigentlich?“ zu
begreifen, wenn Menschen nicht den „typischen“ Merkmalen von „den
Deutschen“ entsprechen (also Hautfarbe, Haarfarbe, Religiösität). Jedes
Wissen über Weißsein geht aus dem (Überlebens-)Wissen von People of Color hervor.
3 Marginalisierung beschreibt den Prozess, in dem Teile der Gesellschaft
durch rassistische, sexistische, klassistische oder andere
Machtstrukturen ausgegrenzt und/oder an den „Rand“ gedrängt werden.
4 „People of Color“ (PoC) ist eine politische Kategorie und eine
Selbstbezeichnung von Menschen, die von rassistischen
Unterdrückungserfahrungen betroffen sind. Ziel ist es, die Verbundenheit
zwischen den Menschen mit unterschiedlichen Rassismuserfahrungen
(wieder-)herzustellen. Das Konzept beruht auf der Gleichzeitigkeit von
Identität und Differenz: Hier wird versucht, die Gemeinsamkeiten der
verschieden erlebten Rassismuserfahrungen herauszuarbeiten ohne dabei
die Verschiedenheit dieser zu leugnen.
5 FLTI* ist die Abkürzung für Frauen/Lesben/Trans*/Inter* und eine
Gruppenbezeichnung für Menschen, die negativ von Sexismus betroffen sind.
Als Trans* bezeichnen sich verschiedene Identitäten die sich nicht, oder
nicht ganz mit dem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht identifizieren.
Inter* ist eine Selbstbezeichnung von Menschen die wegen ihrer Anatomie
und/oder Chromosomen und/oder Hormonen nicht eindeutig dem weiblichen
oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden.